Eigentlich war ich ja
in Shanghai stehengeblieben; zuvor allerdings muss ich 'kurz' etwas
einschieben. Einerseits natuerlich einen Kommentar zur Sprachwahl
der letzten Eintraege - man sollte sowas wirklich nicht nach dem
Besuch einer mongolischen Kneipe hinklieren... Egal, der Ruf ist eh
schon seit laengerem ruiniert, ich spar mir ne Entschuldigung und
komme direkt zum Andererseits: der letzten Woche in Ulan Bator,
sprich Visum besorgen. Dazu muss ich mich im Folgenden einfach
auslassen - und da ich sprachlich eh schon unter aller Sau bin,
fallen chronologische Maengel nun wirklich nicht mehr ins Gewicht.
E... voila! 
Protokoll einer
Nahezu-Agonie:
Ende August bis
Anfang September 2009.
Durch Anna, einer
nette Russin aus Irkutsk, welche ich in Peking kennengelernt habe,
komme ich an eine Einladung fuer zehn Tage nach Russland -
unabdingbar fuer ein Tourivisum, aber zu kurz fuer
mich.
Samstag, 5.
September 2009.
Nachmittags.
Ich optimiere meine
Kenntnisse der kyrillischen Buchstaben drastisch und faelsche
erfolgreich die Einladung auf den Zeitraum vom 12.09. bis
03.10.
Sonntag, 6. September
2009.
Gegen
Drei.
Ich finde heraus, wo die
russische Botschaft hier in Ulan Bator ist. Zwei Fussminuten von
meinem Backpacker entfernt. Fein. Dann kann es ja morgen
losgehen.
Montag, 7. September
2009.
Halb
Zwoelf.
Ich bin in der Botschaft, besorge mir einen
Antrag und erfahre, dass Auslaender taeglich zwischen 14 und 15 Uhr
behandelt werden. Optimal! Da habe ich ja genug Zeit, den
Schreibkrams zu erledigen!
Zehn vor
Zwei.
Alles ausgefuellt, Foto
drauf, gefakte Einladung ausgedruckt. Ich warte mit so zehn
Leutchen vor der Botschaft. Um zwei bin ich schnell und stehe als
Dritter vor dem Antragsraum. Toll! Alles ist gut!
Fuenf nach
Zwei.
Der nette Ami vor mir
erzaehlt mir, dass er zum sechsten Mal da ist und instaendig hofft,
dass es heute klappt. Ich grinse. Und warte.
Zwanzig vor
Drei.
Ich komme endlich rein!
Mein einziges Problem ist, dass ich keine Dollar umgetauscht habe.
Und die wollen nur Dollar. Und nur welche nach 1997. Aber das wird
doch irgendwie gehen...
Kurz vor
Drei.
Denkste. Danach wird von
der liebenswerten Blondine ueberhaupt nicht gefragt. Sondern nach
einer Registrierung. Haeh? Nur mongolische Citizen oder Leute, die
laenger als 90 Tage hier registriert sind, koennen angeblich ein
Tourivisum bekommen. Ich bedanke mich freundlich und bin fest
entschlossen, mich irgendwo zum Schein zu registrieren. Neben mir
steht Guillermo aus Argentinien, ein supernetter Typ, der auch
abgelehnt wird und ebenfalls mit der Transsib zurueck nach Europa
will - und zuvor einen Krankenwagen aus Spanien hergefahren hat.
Respekt! Und er hat nen Ticket nach Bratislava fuer zwei..
Moment!
Kurz nach
Drei.
Ich laufe zum Hostel,
erfahre, wo das Immigration-Office ist - und gehe zurueck zur
Botschaft, aus nem Bauchgefuehl heraus. Mir kommen Guillermo sowie
Kostas aus Bulgarien entgegen, der von dort mit Motorrad hier ist
und versucht, weiter nach Wladiwostok zu fahren. Und ich erfahre:
Ich duerfte mit Guillermos Ticket mitfahren! Und er will nicht mal
Kohle von mir!!!
Gegen
Sechs.
Wir finden uns super. Ich
werfe alle Plaene ueber den Haufen. Bratislava! Fuer quasi lau! Und
ein Transitvisum ist viel leichter! Man braucht "nur" alle Tickets
innerhalb Russlands. Nicht mal ne Einladung.. Und so gehen wir
gemeinsam zum Bahnhof, um fuer Guilli und mich Tickets nach
Ulan-Ude am Baikalsee zu besorgen - sein Doppelticket gilt ab dort.
Mit Hilfe von Kostas' Russischkenntnissen bekommen wir nach Stunden
das Gewuenschte. Fuer naechsten Montag. Yep! Ein Englaender
erzaehlt uns die Geschichte von zwei Jungs, die drei Wochen lang
(!) jeden Tag die Prozedur mitgemacht haben - und denen
letztendlich aufgrund der Hartnaeckigkeit und mit Sicherheit auch
aufgrund Entnervung ein Tourivisum gegeben wurde.
Okay...
Dienstag, 8. September
2009.
Um
Zwei.
Wir stehen zu dritt in der
Schlange. Vorne. Hinter uns zehn Andere. Nur ein paar buddhistische
Moenche vor uns. Topp!
Halb
Drei.
Nichts tut sich. Die
Moenche sind seit einer halben Stunde drin.
Fuenf vor
Drei.
Wir duerfen rein! Die
Moenche sind immer noch nicht fertig. Aber es geht ja schnell bei
uns!
Drei.
Kostas wird mit
Zuckerlaecheln abgelehnt. Guilli und ich erfahren, dass jetzt geschlossen wird und wir nicht mehr drankommen.
Arbeitsbilanz der Botschaft in dieser Stunde: Eine Gruppe von
Moenchen und Kostas. Alle abgelehnt. Alle sollen morgen wiederkommen. Wir fordern
vom netten Pfoertner die Einfuehrung einer Liste. Aus
Gerechtigkeit. Wird gemacht - und wir landen auf Platz 3 und 4.
Draussen wartet Alexej, ein russischer Kumpel von Kosta, der von
Madrid mit Fahrrad hergekommen ist. Leiden ist relativ.
Mittwoch, 9.September
2009.
Um
Zwei.
Guillermo, ich und
fuenfzehn andere sind da. Die Blondine nicht.
Viertel nach
Zwei.
Ein unfassbar spiessiger
Buerokrat erscheint. Die Beiden vor uns werden
abgehandelt.
Zwanzig vor
Drei.
Wir kommen dran! Und werden
ausgequetscht. Warum steht unser Name nicht auf dem
Bratislava-Ticket? Warum schaffen wir den Transit nicht in sechs
Tagen? Und warum erdreisten wir uns ueberhaupt, dieses Land zu
besuchen? Naja, letzteres klingt so zwischen den Zeilen durch...
Wir verhandeln um jeden einzelnen Tag und werfen unseren gesamten
Charme, unsere gebuendelte Eloquenz in das Gespraech. Und duerfen
vom 14. bis zum 22. in Russland verweilen. Warum wir gestern denn
nicht beantragt haetten? Ahja - nun kostet das Ganze im
Eilverfahren bis morgen 100 Dollar. Haetten wir gestern beantragt,
waere es Montag Mittag fertig gewesen. Fuer 50 Dollar. Wir gucken
uns an, verfluchen innerlich sowohl die Moenche als auch den
gesamten russischen Staat, zahlen - und freuen uns dennoch
tierisch. AKZEPTIERT!!! Wir bekommen das Visum!!!
Drei.
Draussen warten zehn
andere, die wieder nicht drankommen. Obwohl Kosta auf Listenplatz 6
war, wird er nicht mehr abgefertigt. Punkt Drei ist schliesslich
Schluss.. Wir warten mit Bier, Kippe und Alexej in freudiger
Erwartung auf hin, helfen Ana, einer jungen verzweifelten
Franzoesin, und sehen unsere Blondine aus den letzten Tagen vor der
Botschaft heiraten. Sie laechelt uns zu. Auch schoen!
Donnerstag, 10.
September 2009.
Zwoelf Uhr
Zwanzig.
Abholzeit. Auf einmal geht
alles ganz schnell. Trotz zehn Leuten vor uns bekommen wir unsere
Passports nach nur zwanzig Minuten Warten. Umarmen uns. Koennten
die ganze Welt umarmen! Ana freut sich mit uns, obwohl sie noch
immer total verweifelt ist - ihr Flieger ab Irkutsk geht am
Sonntag.
Zwanzig vor
Drei.
Kosta hat es auch
geschafft! Nachdem er aufgrund von gestern auf Listenplatz 1
gesetzt worden ist und diverse angebliche Hotelbuchungen nachweisen
konnte (die er danach natuerlich wieder cancelt..), darf er sein
Visum in ner Woche in Empfang nehmen. Alles ist gut, sogar bei Ana
klappt es durch mongolische Hilfe noch bis morgen...
Sieben.
Ein Englaender, der mit uns
in diesen Tagen Leidensgenosse war, erzaehlt mir, dass er ein
Tourivisum fuer dreissig Tage bekommen hat. Einfach so.
Ich freue mich dennoch
riesig: Durch dies alles habe ich unglaublich tolle Jungs
kennengelernt, nen Ticket nach Europa fuer wohl lau bekommen und
bin wohl viel schneller daheim. So wie ich es moechte... Am
Wochenende geht's wahrscheinlich noch mit Guillis Krankenwagen in
nen Nationalpark zum Zelten - Montag Abend dann Richtung Russland..
Spassiba! 
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